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Blog des Promotionskollegs im Projekt 'Europäische Sprachkritik Online (ESO)'

"Negerkönig" oder "Südseekönig"? Eine linguistisch-sprachkritische Stellungnahme

 

Von der gesellschaftlichen Debatte zur wissenschaftlichen Reflexion (Katharina Jacob)

Rassismus ist eine Gesinnung, die schafft man nicht ab, wenn man Worte abschafft.   (Der Tagesspiegel 27.01.2013)

Die Worte tun ihre Wirkung, auch wenn sie nicht in böser Absicht ausgesprochen werden. (Der Tagesspiegel 18.01.2013)

Bei Wörtern, auch den bösen, kommt es immer auf den Zusammenhang an, in dem sie verwendet werden. (Der Tagesspiegel 20.01.2013)

Zitate dieser Art scheinen in der Debatte um diskriminierende Begriffe in der Kinder- und Jugendliteratur die Gemüter zu erhitzen – und das nicht erst seit der im Januar 2013 entflammten Kontroverse um den Negerkönig in „Pippi Langstrumpf“. Begriffe in der Kinder- und Jungendliteratur lösen heftige Diskussionen in der Medienberichterstattung aus – die Gesellschaft betreibt Sprachkritik.

Aus der Vogelperspektive sind Stimmen wahrnehmbar, die sich dafür aussprechen, Textpassagen, in denen diskriminierende Worte und Gedanken zum Ausdruck kommen, zu streichen. Andere fordern, diese Textpassagen umzuwandeln oder Ausdrücke wie Negerkönig zu streichen und durch Südseekönig zu ersetzen. Es werden aber auch Stimmen laut, die die Künstlerfreiheit der Autorinnen und Autoren wahren, den Text als Kunstform respektieren und die Kinder beim Lesen eher kommentierend und erläuternd sensibilisieren wollen. Die Gesellschaft fragt sich also: Sollen wir diskriminierende Begriffe aus der Kinder- und Jugendliteratur

streichen,

ersetzen,

beibehalten oder

kommentieren (bzw. erläutern)?

Da sich zu dieser Debatte bislang kaum Stimmen aus der (Sprach-)Wissenschaft geäußert haben, nehmen wir dies zum Anlass, unsere Sicht darauf darzulegen – denn auch die Sprachwissenschaft betreibt Sprachkritik.

Wir sind Stipendiaten, Kollegiaten und Mitarbeiter im Projekt Europäische Sprachkritik Online (ESO) (http://www.ezs-online.de/programmbereiche-des-ezs/textwelten/136-ezs-arbeitsgruppe-zu-europaeischer-sprachkritik), welches im Rahmen des Europäischen Zentrums für Sprachwissenschaften (EZS) (http://www.ezs-online.de) Sprachkritik sprachvergleichend untersucht. Jeder von uns wird nun seine linguistisch-sprachkritische Perspektive auf die Debatte offenlegen. Mit einer linguistisch-sprachkritischen Empfehlung, die eine Zusammenfassung unserer Stellungnahme darstellt, werden wir unseren Beitrag abschließen. Wir sind gespannt auf Ihre und Eure Kommentare!

Die Debatte aus linguistisch-sprachkritischer Sicht (Johannes Funk)

Die Debatte um politische Korrektheit (Political Correctness) in Kinderbüchern hat vor allem im Januar hohe Wellen geschlagen. Auf der einen Seite fordert man vehement die Änderung gewisser Passagen, da einige Ausdrücke als diskriminierend empfunden werden. In „Pippi Langstrumpf“ wurde bereits der Neger- durch den Südseekönig ersetzt. Auf der anderen Seite empfindet man solche Reaktionen als überzogen. Mit den Ausdrücken räume man nicht die entsprechenden Überzeugungen aus der Welt, und schließlich sei man doch noch lang kein Rassist, nur weil man von Negerküssen spreche und im Restaurant ein Zigeunerschnitzel bestelle. So oder so ungefähr wird dabei argumentiert. Ich möchte versuchen, dazu einige Gedanken aus linguistisch-sprachkritischer Sicht zu formulieren, denn darum geht es, um Kritik an der Sprache, besser gesagt um Kritik am Sprachgebrauch in manchen Kinder- und Jugendbüchern. Sprachkritik, als linguistische Disziplin, ist noch relativ jung und nicht unumstritten. Eigentlich dürfe man aus wissenschaftlicher Sicht nicht kritisieren, d.h. wertend urteilen, sondern vielmehr nur beschreiben. Nach und nach wurden jedoch Stimmen laut, welche dafür plädierten, Sprachkritik nicht ganz den Laien zu überlassen (vgl. Wimmer 1982, 1986; Bär 2002). Die „linguistisch begründete Sprachkritik“ (Wimmer 1982, 1986) setzt den reflektierten Sprachgebrauch als oberstes Ziel, einen umsichtigen und toleranten Umgang mit Sprache (vgl. Heringer 1982). Inwiefern der Gebrauch von Wörtern und Wendungen problematisch werden kann, zeigt im Grunde schon Humboldt (1820/1967: 27). Er hatte festgestellt, dass Sprache als Indiz für Denk- und Mentalitätshaltungen, der Sprachgebrauch als Indikator einer Denkungsart zu deuten ist. Wer „ein problemhaft markiertes Ausdrucksmuster“ (Felder 2009: 6) verwendet, muss sich „der Erinnerungs- und Zuschreibungsmacht fester Wortverbindungen bewusst sein, die nur bedingt von gegenwärtigen oder historischen in der Öffentlichkeit breit rezipierten Funktionsgruppen zu lösen ist. Manche Wörter haben Schibboleth-Wirkung, sie sind Erkennungszeichen für bestimmte Denkrichtungen oder Interessengruppen. Sich von einer solchen konventionalisierten Zuordnung abzusetzen, ist nicht einfach“ (Felder 2009: 6). Diese Erfahrung musste im Jahre 2000 der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Friedrich Merz, machen. Er hatte in der Ausgabe der Zeitung „Die Welt“ vom 25. Oktober von der „Deutschen Leitkultur“ gesprochen, worauf Kritiker die Befürchtung äußerten, Merz liefere mit diesem Ausdruck rechten Kräften eine Steilvorlage (Arte.tv 18.01.2010). Selbst der Duden (2009) weist auf die Problematik hin, die mit dem Gebrauch mancher Wörter zusammenhängen kann. Unter den Einträgen von Neger und Zigeuner finden wir Hinweise, in gewisser Weise vielleicht sogar Warnungen, welche auf die Gefahr einer möglichen Diskriminierung hinweisen. Ob sich nun der Erzähler und die handelnden Figuren in Kinder- und Jugendbücherbüchern immer politisch korrekt äußern müssen (zumal dies ja oft dem konkreten (historischen) Kontext widerspricht), ob diese immer lehrreich sein müssen und ob sie das nicht viel eher sind, wenn Kinder dort auch auf politisch unkorrekte Formulierungen treffen, die sie dann im persönlichen Sprachgebrauch bewusst vermeiden lernen lernen zu vermeiden, ist eine Frage, bei der auch Pädagogen und Literaturwissenschaftler ein Wort mitzureden hätten. Ich will hier festhalten, dass es nicht ganz so einfach ist, sich beim Gebrauch mancher Ausdrücke gleichzeitig von den mit ihnen in Verbindung gebrachten Haltungen zu distanzieren, wie manche Akteure das im Zuge dieser Debatte behaupteten. Besonders wenn es um den persönlichen Sprachgebrauch geht, sollte die Bedeutung von politischer Korrektheit nicht so einfach und grundsätzlich abgetan werden.

Eine erste linguistisch-sprachkritische Empfehlung (Verena Weiland)

Wir haben bereits festgestellt, dass das oberste Ziel der linguistischen Sprachkritik der reflektierte Sprachgebrauch, ein umsichtiger und toleranter Umgang mit Sprache, ist (vgl. Heringer 1982). Nimmt nun Deutschland Anstoß an scheinbar diskriminierenden Begriffen in Kinderbüchern und sucht nach Mitteln und Wegen, diese aus den Werken für die Kleinen zu verbannen, so sehen Sprachwissenschaftler die gesellschaftliche Relevanz ihrer Arbeit sicherlich bestärkt. Doch welche Lösungen finden Linguisten selbst in einem Kampf um diskriminierende Bedeutungen und die Problematik ihrer Ersetzung?

Zuerst einmal ist festzuhalten, dass auch sie kein Patentrezept besitzen, wohl aber Denkansätze formulieren, welche die „Reflexion sprachlicher Handlungsoptionen“ (Felder 2009: 163) erleichtern. In diesem Sinne soll bei einer Frage wie etwa um den Ausdruck Negerkönig in „Pippi Langstrumpf“ kein Verbot ausgesprochen, sondern vielmehr eine selbständige Reflexion gefördert werden. Ein gewisses Grundmuster kann man hierfür beispielsweise nach Felder formulieren (Felder 2009: 167 ff.) und für den Negerkönig durchspielen:

Erstens kann der als „problemhaft“ empfundene Ausdruck verwendet und überprüft werden, ob „inhaltsseitig die gewünschte Wirkung erzielt wurde“ (Felder 2009: 167). „Auf dieser Basis kann eine Sprecherin, ein Sprecher die eigene Haltung zu entsprechenden Gruppierungen kundtun und darlegen, sie wolle sich die Vielzahl der Ausdrucks- und Variationsmöglichkeiten nicht einschränken“ (Felder 2009: 168) lassen. Im Falle der Kinderbücher müsste der Negerkönig demnach zwar keineswegs dem Südseekönig weichen, dennoch muss man sich über die „Erinnerungs- und Zuschreibungsmacht“ (Felder 2009: 168) des Wortes Negerkönigs im Klaren sein. Sich von der konventionalisierten Zuordnung eines Begriffes abzugrenzen ist folglich schwierig – doch zeigt die öffentliche Debatte nicht gerade, dass solch eine Zuordnung auch generationsbedingt ist? Ist es für das Jahr 2012 schlichtweg zeitgemäß, von einem Südseekönig zu sprechen, weil sich die mit dem Negerkönig verbundene Denkrichtung verändert, ja verschärft hat?

Entscheidet man sich somit für die zweite Möglichkeit, nämlich die Vermeidung des als „problembehaftet“ (Felder 2009: 168) markierten Ausdrucks, so gilt es nach Felder bestimmte Dinge zu beachten: Die neu gewählte Formulierung muss authentisch wirken, also in den Kontext passen. Weiterhin – und das wird im Falle des Südseekönigs sicherlich besonders kritisch – muss der „Rezipient vom gleichen Referenzobjekt bzw. Sachverhalt wie der Textproduzent“ (Felder 2009: 168) ausgehen. Wie aber hat man sich einen Südseekönig vorzustellen? Geht ein Kind, das den Ausdruck Negerkönig für den Vater von Pippi Langstrumpf nicht mehr kennt, vom gleichen Referenzobjekt wie ein erwachsener Mitarbeiter des Oetinger Verlags aus? – Höchstwahrscheinlich nicht.

Letztendlich bleibt es daher denkbar, entweder mit Paraphrasierungen, das heißt Umschreibungen, zu arbeiten, oder Hinweise zur Verwendung des als problematisch betrachteten Negerkönigs zu geben. Letzteres hätte im Falle der Pippi Langstrumpf zum Vorteil, dass auch dieser ältere Ausdruck für Kinder verständlich bleibt und zugleich deren Sensibilisierung für den Wandel von Sprache wecken würde.

Aus sprachkritisch-linguistischer Sichtweise also gibt es kein Patentrezept für den Umgang mit problembehafteten Ausdrücken. Von grundlegender Bedeutung jedoch ist, Sprachgebrauch überhaupt zu reflektieren, also ein gesellschaftliches Sprachbewusstsein zu entwickeln. Mit der Debatte um den Neger- oder Südseekönig erfüllen die Deutschen deshalb Heringers Forderung nach einem überlegten Sprachgebrauch. Fraglich allerdings bleibt, ob der Umgang mit Sprache in dieser Debatte auch notwendig umsichtig und tolerant (vgl. Heringer 1982) geführt wird.

Begründung aus sprachtheoretischer Perspektive (Katharina Jacob)

Rassismus ist eine Gesinnung, die schafft man nicht ab, wenn man Worte abschafft. (Der Tagesspiegel 27.01.2013)

Die Worte tun ihre Wirkung, auch wenn sie nicht in böser Absicht ausgesprochen werden. (Der Tagesspiegel 18.01.2013)

Bei Wörtern, auch den bösen, kommt es immer auf den Zusammenhang an, in dem sie verwendet werden. (Der Tagesspiegel 20.01.2013)

Aus linguistisch-sprachkritischen Sicht sind Vorschläge, diskriminierende Begriffe aus der Kinder- und Jugendliteratur zu streichen, zu ersetzen, beizubehalten oder zu kommentieren, interessant – viel interessanter sind allerdings die sprachkritischen Argumentationen, die mit den einführenden Zitaten angedeutet wurden. Wie kommt es zu einem sprachkritischen Urteil, wie wird es begründet? Wie dem ersten Zitat zu entnehmen ist, wird es nicht für notwendig gehalten, Worte aus der Kinder- und Jugendliteratur zu streichen. Begründet wird dies mit der Überzeugung, dass diskriminierende Einstellungen unabhängig von Sprache existieren. In dem darauf folgenden zweiten Zitat wird die Ansicht abgelehnt, zwischen Gesagtem und Gemeintem zu unterscheiden. Worte tragen unabhängig davon, was mit ihnen gesagt werden soll, eine Bedeutung, die verletzend und diskriminierend wirken kann. Ausgehend von dieser Begründung lautet das sprachkritische Urteil, Worte aus der Kinder- und Jugendliteratur zu streichen. Im dritten und letzten Zitat wird der engere und weitere Kontext des Textes als Begründung herangezogen. Das sprachkritische Urteil ist hier, dass es kein klares Urteil in der Sprachkritik gibt. Ob Worte gestrichen, ersetzt, akzeptiert oder erläutert werden müssen, hängt unmittelbar von dem Wort im (Kon-)Text ab.

In der Mediendebatte um diskriminierende Begriffe in der Kinder- und Jugendliteratur werden Stimmen aus der Gesellschaft mit journalistischen Sichtweisen verknüpft, die für Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler mit sprachkritischem Forschungsinteresse von Relevanz sein können. Während in der Medienberichterstattung von der Frage ausgegangen wird, ob Worte in der Kinder- und Jugendliteratur verwendet werden dürfen, die als diskriminierend eingeschätzt werden, sollen an dieser Stelle die sprachkritischen Urteile und Argumentationen der medialen Berichterstattung als Ausgangspunkt genommen werden, um in einem ersten Schritt zu reflektieren, welches Verständnis wir von Sprache und Worten als ihre Bestandteile haben, um dann ein einem zweiten Schritt eine linguistisch-sprachkritische Sicht darauf zu werfen, ob Worte verwendet werden dürfen, die diskriminieren können bzw. die andere als diskriminierend empfinden.

In Anlehnung an Gardt (2002) kann das Wort 1.) als Ausdruck der sozialen Natur des Menschen, 2.) als Ausdruck menschlicher Erkenntnis und 3.) als Bedingung menschlicher Erkenntnis verstanden werden. Während Gardt diese drei Kategorien von historischen bzw. sprachphilosophischen Reflexionen über das Wort ableitet, können wir diese drei Kategorien für unseren linguistisch-sprachkritischen Beitrag fruchtbar machen.

Wenn wir Sprache als Mittel der Kommunikation und folglich als „Ausdruck der sozialen Natur des Menschen“ (Gardt 2002) verstehen, steht das Wort als Dreh- und Angelpunkt der kommunikativen Interaktion im Fokus der Betrachtung. Vor dem Hintergrund dieses Sprach- und Wortverständnissen erscheint das erste Zitat (Rassismus ist eine Gesinnung, die schafft man nicht ab, wenn man Worte abschafft.) im Lichte einer Kommunikationssituation. Sprechern und Hörern werden Gesinnungen zugesprochen, nicht den Worten.

Wenn wir Sprache als „Ausdruck menschlicher Erkenntnis“ (Gardt 2002), also als etwas verstehen, in dem sich Denkweisen von Menschen niederschlagen, steht das Wort als Spiegel menschlicher Denkhaltungen im Mittelpunkt der Betrachtung. Lesen wir das zweite Zitat (Die Worte tun ihre Wirkung, auch wenn sie nicht in böser Absicht ausgesprochen werden.) aus diesem Blickwinkel, haben Worte die Funktion, Indikator für Mentalität, Kultur und Geschichte zu sein, zunächst einmal unabhängig von Sprechern und Hörern.

Wenn wir Sprache als Medium begreifen, sich die Welt und das Wissen über die Welt zu eigen zu machen, wenn wir Sprache folglich als „Bedingung menschlicher Erkenntnis“ (Gardt 2002) verstehen, so wird das Wort zum Kettenglied des Verstehens. Auf der Grundlage dieses Sprachverständnisses erlangt der Kontext im Zitat (Bei Wörtern, auch den bösen, kommt es immer auf den Zusammenhang an, in dem sie verwendet werden.) eine bedeutsame Rolle.

Die drei Zitate zeigen, dass sprachkritische Urteile auf sprachkritischen Argumentationen aufbauen. Nur wenn wir verstehen, welches Sprach- und Wortverständnis den sprachkritischen Argumentationen zugrunde liegen, können wir darüber reflektieren, ob Worte diskriminieren können und dürfen. Jedes Sprach- und Wortverständnis zieht seine eigene sprachkritische Argumentation nach sich und begründet ein spezifisches sprachkritisches Urteil. Ziel einer linguistisch-sprachkritischen Sicht auf die Debatte um diskriminierende Begriffe in der Kinder- und Jugendliteratur ist, dies transparent zu machen, sich für einen reflektierten und aufgeklärten Sprachgebrauch einzusetzen (vgl. Heringer 1982; Felder 2009) und damit einen Beitrag zur „Sprachkultiviertheit“ (Janich 2004) zu leisten.

Begründung aus semantischer Perspektive (Kathrin Wenz)

Eine der Optionen, mit diskriminierenden oder in der heutigen Zeit nicht mehr politisch korrekten Begriffen umzugehen, ist das Ersetzen durch andere, wertneutrale Begriffe. Es stellt sich die Frage, durch welche Begriffe die veralteten und stigmatisierenden Wörter ausgetauscht werden. Die Antwort klingt einfach: Wörter, die dieselbe Bedeutung wie die auszutauschenden Wörtern haben und die heutzutage politisch korrekt sind. In der Semantik, der Lehre von den Bedeutungen der Zeichen, wird deutlich, dass es keine zwei Ausdrücke gibt, die exakt dieselbe Bedeutung haben. Ein Ausdruck, der mit einem anderen Ausdruck synonym verwendet werden kann, hat einige übereinstimmende und einige abweichende Bedeutungen. Folglich sind die beiden Ausdrücke in ihrer Bedeutung nicht vollkommen deckungsgleich. Sie können somit nur in ganz bestimmten Kontexten synonym gebraucht werden. Gleichzeitig trägt jeder Ausdruck noch andere Bedeutungsebenen mit sich, die dem Leser bewusst sind und eine Geschichte verändern können. Synonyme für beispielsweise den Ausdruck Haus sind unter anderem Anwesen, Hütte, Schloss, Bude. In einer Geschichte, die mit den Worten beginnt Ein kleines Mädchen lebte einmal in einem Schloss/in einer Hütte kann das Ersetzen des Wortes aber den weiteren Verlauf der Geschichte stark beeinflussen. Veraltete Wörter, sollen laut Klaus Willberg vom Thienemann Verlag (Die Zeit 17.01.2013) durch zeitgemäße Wörter ersetzt werden, damit ein Kind die Texte verstehen könne. Der Ausdruck Handy müsse durch den neueren, aktuelleren Ausdruck Smartphone ersetzt werden. Beides sind zwar tragbare Geräte, die zum Telefonieren genutzt werden können. Das Smartphone verfügt beispielsweise zusätzlich über eine Internetverbindung und die Möglichkeit Fotografien zu machen oder Videos zu drehen. Die beiden Ausdrücke beziehen sich jeweils auf völlig unterschiedliche Referenten, Objekte in der Welt. In einem Kinderbuch aus den 90er Jahren würde das Ersetzen von Handy durch Smartphone nicht nur ein Wort verändern, sondern ein Objekt, das in der fiktiven Welt verwendet wird. Solche Anachronismen werden zwar in der Literatur oder Kunst als Mittel der Komik und der Absurdität genutzt, sind aber vom Autor des Werkes gar nicht beabsichtigt worden und verfälschen die Erzählung. Dies würde dem Hinzufügen von Strichen und Punkten in einem Kunstwerk von beispielsweise Joan Miró gleichkommen. Aus diesen Ausführungen wird deutlich, dass das Ersetzen eines Ausdrucks durch einen anderen Ausdruck tiefgreifende Veränderungen in jeder Art von Text, auch in Kinderbüchern, nach sich zieht, die unter allen Umständen vermieden werden sollten. Erklärungen am Ende eines Buches oder kurze Anmerkungen am Seitenende können solche Veränderungen vermeiden und die Texte auch heute verständlich machen.

Begründung aus textsortenlinguistischer Perspektive (Luisa Larsen)

Das genannte Argument, dass die Literatur eine Form der Kunst sei und als solche nicht verändert werden dürfe, wollen wir an dieser Stelle aus linguistischer Sicht beleuchten. Gibt es eine „Literatursprache“? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für diese Debatte? In der Tat werden in der Sprachwissenschaft unterschiedliche Textsorten wahrgenommen (wobei der Begriff „Textsorte“ nicht ausschließlich geschriebene Texte umfasst, sondern auch für mündliche Äußerungen gilt). Nach Steger (1998) lassen sich verschiedene Texttypen feststellen, die aufgrund der kommunikativen Ziele der Sprache voneinander unterschieden werden. Die Kommunikation verfolgt also in der Literatur ein anderes Ziel als im Alltag: Die Motivation der Alltagskommunikation ist praktischer Natur, wohingegen sie in der Literatur ästhetischer Natur ist. Die ästhetische Motivation der Literatur macht diese zu einer Form von Kunst. Um Kunst interpretieren zu können, muss die Bezugswelt, in der sie entstanden ist, berücksichtigt werden (vgl. Steger 1982). So erhalten manche Formulierungen und Begriffe, die wir innerhalb unserer gegenwärtigen Bezugswelt als diskriminierend oder veraltet werten, eine andere Bedeutung, wenn man sie im Kontext der Bezugswelt des literarischen Werks betrachtet. Da Sprache dem ständigen Wandel der Gesellschaft unterlegen ist, kommt es nur allzu oft vor, dass sie herausgelöst aus ihrem ursprünglichen Kontext nicht mehr verstanden oder missverstanden wird. So ergeht es im Übrigen jeder Form von Kunst. Problematisch wird die Sache nun, da eine Vermischung stattfindet: Literatur, die in einer Bezugswelt entstanden ist, die nicht mehr die unsere ist, wird heute noch konsumiert, und das löst diese vehemente Diskussion aus. Im Prinzip handelt es sich um nichts anderes als ein Missverständnis – im wahrsten Sinne des Wortes. Es ergeben sich also zwei Möglichkeiten: 1. Der Leser muss sich an die Bezugswelt des literarischen Werks anpassen, indem er sich über diese informiert und dadurch lernt, die Begriffe und Formulierungen differenziert zu betrachten (was gerade bei Kindern und Jugendlichen das Eingreifen von Erwachsenen fordert), 2. Das literarische Werk wird an die Bezugswelt des Lesers angepasst, indem die Begriffe und Formulierungen, die nicht mehr in unsere Bezugswelt passen, verändert werden (wobei niemand auf die Idee käme, ein altes Gemälde gemäß unserer heutigen Vorstellungen zu verändern). Eine allgemeingültige Lösung wird es wohl nicht geben können. Dass die Diskussion um diskriminierende und veraltete Begriffe in der Kinder- und Jugendliteratur seit den 1970er Jahren immer wieder aufflammt, zeigt, dass Fall für Fall neu entschieden werden muss. Wichtig wäre nur, dass bei der Entscheidung für die eine oder die andere Lösung einheitliche Kriterien berücksichtigt werden.

Linguistisch-sprachkritische Empfehlung: beibehalten – streichen – ersetzen – kommentieren? (Maria Mast)

Die Debatte um den Umgang mit diskriminierenden und veralteten Begriffen in der Kinder- und Jugendliteratur schlug Anfang des Jahres hohe Wellen – so hohe, dass schnell nicht mehr nur der Umgang mit Worten in der Literatur thematisiert wurde. Stattdessen wurde eine sprachkritische Debatte um die sogenannte Political Correctness ausgelöst: Ist es heutzutage noch immer angebracht, im Restaurant ein Zigeunerschnitzel zu bestellen und beim Kindergeburtstag Negerküsse zu verspeisen? Welche Indikatoren können herangezogen werden, um die Angemessenheit eines begrifflichen Konzeptes zu überprüfen? Dies ist eine schwierige Frage, für deren Beantwortung weder die Überprüfung der Etymologie eines gegebenen Ausdrucks noch die der Intention des Sprechers oder die der Reaktion des Hörers zufriedenstellend scheint. Ein Argument, das sicherlich korrekt ist und das in der Debatte immer wieder angeführt wird, ist, dass mit der Streichung eines Ausdrucks nicht zugleich die Streichung der implizierten Haltung mit einhergehe. Häufig sei es stattdessen so, dass der nachfolgende Ausdruck wiederum neu konnotiert werde (und so aus dem Neger zunächst der Schwarze, dann der Farbige wurde). Auch vernimmt man immer wieder das Argument, dass man den Ausdruck zwar verwende, dass man es allerdings nicht so „meine“. Dass diese Argumentation aus linguistischer Sicht unzureichend ist, wurde bereits ausgeführt – die Beziehung zwischen sprachlichem Zeichen und Bezeichneten ist zwar per se arbiträr, das heißt willkürlich, nicht von Natur aus gegeben und somit veränderbar. Zugleich ist sie allerdings konventionell, und die Abgrenzung von einer konventionellen Bedeutung ist meist schwierig. Eben diese Eigenschaft von Sprache weist uns allerdings auch auf eine grundsätzliche Problematik in der Debatte hin: Obwohl die Debatte über die Verwendung diskriminierender Begriffe im allgemeinen Sprachgebrauch relevant ist und die damit einhergehende sprachkritische Reflexion in der Gesellschaft aus linguistischer (und gesellschaftspolitischer) Sicht begrüßenswert, so besteht dennoch ein signifikanter Unterschied zwischen dem heutigen Sprachgebrauch und literarischen Werken, die viele Jahre oder Jahrzehnte alt sind. Während es im allgemeinen Sprachgebrauch heute tatsächlich unangemessen ist ein Kind mit dunkler Hautfarbe als Negerbaby zu bezeichnen, müssen bei der Beurteilung desselben Ausdrucks in der Erzählung Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer andere Kriterien angelegt werden. Zum einen handelt es sich um einen Text, der vor über fünfzig Jahren verfasst wurde; die konventionelle Bedeutung des Ausdrucks kann sich in dieser Zeit verändert haben. Zum anderen handelt es sich nicht um einen faktualen Text, sondern um eine fiktionale Geschichte, in der nicht nur Babys mit schwarzer Hautfarbe Negerbabys genannt werden, sondern auch Lokomotiven sprechen können und sogar Kinder bekommen.

In jedem Falle macht die Debatte um den Umgang mit diskriminierenden und veralteten Begriffen in der Kinder- und Jugendliteratur sowie im allgemeinen Sprachgebrauch deutlich, dass sprachliche Streitfragen nicht nur etwas für Sprachwissenschaftler sind, sondern Sprachkritik ganz im Sinne Heringers (Heringer 1982) durchaus etwas für alle ist.

In diesem Sinne spricht sich das Autorenkollektiv hier dafür aus, die fragwürdigen Begriffe durchaus beizubehalten. Statt der Tilgung oder der Ersetzung der Ausdrücke – mit der wie gesagt nicht die Tilgung der entsprechenden Haltung mit einhergeht – ist ein reflektierter und aufgeklärter Umgang mit Texten wünschenswert, bei dem die Kinder mit Kommentaren oder Erläuterungen auf sprachliche und gesellschaftliche Fragen aufmerksam gemacht werden und so ein gesellschaftliches Sprachbewusstsein geschaffen wird.

 

Literatur

Bär, Jochen (2002): Darf man als Sprachwissenschaftler die Sprache pflegen wollen? Anmerkungen zu Theorie und Praxis der Arbeit mit der Sprache, an der Sprache, für die Sprache. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 30 (2002), S. 222–251.

Felder, Ekkehard (2009): Linguistische Sprachkritik im Geiste linguistischer Aufklärung. In: Liebert, Wolf-Andreas/Schwinn, Horst (Hg.): Mit Bezug auf Sprache. Festschrift für Rainer Wimmer. Tübingen (Studien zur deutschen Sprache. Forschungen des Instituts für Deutsche Sprache 49), S. 163–185.

Gardt, Andreas (2002): Das Wort in der philosophischen Sprachreflexion. In: Cruse, David Alan/Hundsnurscher, Franz/Job, Michael/Lutzeier, Peter Rolf (Hg.): Lexikologie. Ein internationales Handbuch zur Natur und Struktur von Wörtern und Wortschätzen. 1. Teilband. Berlin/New York, S. 89–100.

Heringer, Hans Jürgen (Hg.) (1982): Holzfeuer im hölzernen Ofen. Aufsätze zur politischen Sprachkritik. Tübingen.

Humboldt, Wilhelm von (1820/1967): Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung. In: derselbe: Gesammelte Schriften. Band IV. Hg. von Albert Leitzmann. Berlin 1905 (Nachdruck: Berlin 1967), S. 1–34.

Janich, Nina (2004): Die bewusste Entscheidung. Eine handlungstheoretische Theorie der Sprachkultur. Tübingen.

Steger, Hugo (1982): Was ist eigentlich Literatursprache? In: Freiburger Universitätsblätter 76, S. 13–36.

Steger, Hugo (1998): Sprachgeschichte als Geschichte der Textsorten, Kommunikationsbereiche und Semantiktypen. In: Besch, Werner/ Ungeheuer, Gerold/ Steger, Hugo (Hg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2., vollst. neu bearb. und erw. Aufl. Berlin, S. 284–300.

Wimmer, Rainer (1982): Überlegungen zu den Aufgaben und Methoden einer linguistisch begründeten Sprachkritik. In: Heringer, Hans Jürgen (Hg.): Holzfeuer im hölzernen Ofen. Aufsätze zur politischen Sprachkritik. Tübingen, S. 290–313.

Wimmer, Rainer (1986): Neue Ziele und Aufgaben der Sprachkritik. In: Kontroversen – neue und alte. Akten des VII. Internationalen Germanistenkongresses in Göttingen 1985, Band 4, S. 146–158.

Medienartikel

Arte.tv (18.01.2010): „Rückblick: Die Leitkultur-Debatte in Frankreich“ (http://www.arte. tv/de/rueckblick-die-leitkultur-debatte-in-deutschland/3026040,CmC=3026780.html).

Der Tagesspiegel (18.01.2013): „Koloniale Altlasten. Rassismus in Kinderbüchern: Wörter sind Waffen“.

Der Tagesspiegel (20.01.2013): „Rassismus in Kinderbüchern. Achtung, Zensur“.

Der Tagesspiegel (27.01.2013): „Kinderbuchautorin. ‚Meine Enkelin speit, wenn sie zur Schule muss‘“.

Die Zeit (17.01.2013): „Kinderbücher. Die kleine Hexenjagd“.

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One Response to “"Negerkönig" oder "Südseekönig"? Eine linguistisch-sprachkritische Stellungnahme”

  • Evi Schedl says:

    Mir gefallen die verschiedenen Begründungen zum Thema: sprachtheoretisch, semantisch, textsortenlinguistisch. So wird eine differenziertere Betrachtung der Problematik möglich. Schade, dass daraus (noch) kein Artikel für Zeitungen wurde!


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